Die Geschichte von Merlin   04/2002                              

Von Sarah Gunther, Irland  

Ich betreibe ein kleines Tierheim im Westen Irlands. Meine  Aufnahmekapazität ist beschränkt, da ich alles alleine manage und auch finanziere. Deshalb nehme ich mich meist solcher  Hunde an, die hier in Irland keine Lobby haben: Deutscher  Schäferhund, Rottweiler, Dobermann, American Pitbull Terrier,  Staffbull etc.   Natürlich finden auch oft die typisch irischen Rassen ihren Weg  zu mir; Bordercollie, Jack Russell Terrier und Jagdhunde.  Greyhounds eigentlich relativ selten, da man sie einfach nicht  sieht. Selten begegnet man einer Person, die einen Greyhound  an der Leine führt. In keinem Land gibt es pro Kopf mehr  Greyhounds als in Irland und in keinem Land sieht man weniger  Greyhounds auf der Strasse als hier.   Ich arbeite eher lose mit einigen anderen Organisationen  zusammen, wie zum Beispiel der Galway Society of Prevention  of Cruelty to Animals (GSPCA). Für diese bin ich als field  officer unterwegs und bearbeite Tierschutzfälle.

Im Mai 1999  erhielt ich einen Anruf des GSPCA Headquarters, indem man  mir mitteilte, dass eine Anzeige vorliege. Ob ich diese  bearbeiten könne, da man bis zu den Ohren in Fällen stecke  und keinen Mann frei habe, um der Sache auf den Grund zu  gehen.   Nachdem ich alle Informationen erhielt, rief ich den lokalen  Polizisten an. Dies ist normales Prozedere, da viele der Farmer  und Zigeuner aggressiv reagieren.. Der Polizist meinte nur, dass  der "arme Paddy schon immer Greyhounds hatte und ihm  nichts aufgefallen sei, was eine Anzeige rechtfertigte". Trotz  allem erklärte er sich bereit, mich am nächsten Tag zu treffen  und mit mir auf die abgelegene Farm Paddy's zu fahren.   

Was uns dort erwartete, spottet aller Beschreibung. Der  "arme" Paddy hielt Greyhounds in einem Verschlag, der weder  Fenster, noch irgendeine Art der Entlüftung hatte.

Auf  Anordnung des Polizisten öffnete er die Tür zu dem Verschlag.  Auf engstem Raum waren fünf Greyhounds  zusammengepfercht; drei Rüden und zwei Hündinnen. Eine der  Hündinnen war sichtlich tragend. Alle fünf waren extrem  unterernährt, räudig mit sekundären Hautinfektionen, zwei waren völlig haarlos, die gesamte Haut eine einzige offene,  eitrige Wunde. 

Beide Hündinnen waren nicht in der Lage, auf eigenen Beinen  zu stehen.

Einer der Rüden hatte eine gebrochene Rute, deren  unterer Teil schon in Verwesung übergangen und ballonförmig  angeschwollen war. Er stand wackelig auf drei Beinen, die  rechte Hinterpfote war auf doppelte Grösse geschwollen, eine  Kralle hing noch an einem Stück Haut.

Alle fünf waren extrem  gross, sodass man davon ausgehen konnte, dass sie nicht zum  Racing, sondern zum Coursing gehalten wurden.    

Diese Fünf waren zu nichts mehr in der Lage, und nach kurzem  Gespräch mit dem Polizisten beschlagnahmte ich die Hunde  und erklärte dem sprachlosen Paddy, dass ich ihn wegen  Tierquälerei vor Gericht wiedersehen würde. Der Polizist  weigerte sich, mir beim Verladen der Hunde in meinem  Transporter zu helfen, weil er Angst hatte, sich mit Räude  anzustecken. Alle fünf mussten getragen werden, was nicht  gerade einfach war, da sie nicht an Menschen gewöhnt waren.  

Der Rüde mit gebrochener Rute und geschwollener Pfote biss  panisch um sich, und ich musste ihn mit einem leichten  Sedativ ruhigstellen, bevor ich ihn überhaupt anfassen konnte.   

Über Handy verständigte ich den Tierarzt und fuhr direkt in  seine Praxis. Dort mussten beide Hündinnen eingeschläfert  werden, sie waren so schwach, dass ihre Herzen eine  notwendige Narkose nicht überlebt hätten. Beide hatten  eingewachsene Stricke um dem Hals, mittlerweile fast von  Haut bedeckt. Diese hätten nur operativ entfernt werden  können. Eine Entscheidung, zu der ich mich schweren Herzens  durchringen musste, zudem eine der Hündinnen tragend war.   

Die Rüden wurden alle drei an den Tropf gehängt und bekamen  schmerzstillende Medikamente und Antibiotika. Sie waren so  dünn, dass der Tierarzt meinte, so etwas habe er noch nicht  gesehen und er glaube nicht, dass sie durchkommen.  Besonders der Rüde mit der gebrochenen Rute war schlimm  dran.   

Ich fuhr nach Hause, um mich um meine anderen Tiere zu  kümmern und an dem Abend bin ich heulend in mein Bett  gefallen, was mir nicht oft passiert...   

Nach zwei Wochen (!!) konnte ich die ersten zwei beim  Tierarzt abholen. Sie wurden im GSPCA Tierheim  untergebracht, beide sahen wesentlich besser aus, aber waren  immer noch extrem handscheu und sehr dünn.

Der Dritte  verblieb beim Tierarzt, bis er stark genug war, eine Operation  zu überleben. Die war notwendig, um den grössten Teil der  Rute zu amputieren und einen Teil der Hinterpfote. Er biss vor  Schmerzen um sich, wenn man ihn anfasste, der ganze Körper  war mit Ekzemen übersät.   Die GSPCA weigerte sich, den Hund nach der Operation  aufzunehmen, da er nicht einfach war und ständiger Pflege  bedurfte. Das Personal sei dazu nicht ausgebildet. Ich hatte  zu der Zeit gerade vier Hunde vermittelt und nahm ihn nach  der Operation bei mir auf. Sein offizieller Name war "One More  Buddy", aber ich fand, er brauchte einen magischen Namen,  damit er all das überlebt. So wurde aus einem ungeliebten  "Buddy" ein geliebter "Merlin".   Er konnte nicht in einen Auslauf, musste dreimal am Tag  gewaschen werden und bekam schmerzstillende Medikamente  sowie Antibiotika. Also zog er erstmal zu mir ins Haus. Da zu  dem Zeitpunkt bereits acht Hunde in meinem Haus lebten, zog  er in mein Schlafzimmer, wo ich ihm unter meinem Schreibtisch  eine Höhle baute, in die er sich sofort zurückzog.   

Am Anfang war es mir nur möglich, ihm anzufassen, wenn ich  ihm vorher vorsichtig einen leichten Rennmaulkorb umlegte. An  diesem war er gewöhnt, da die Greyhounds mit Maulkorb  gecoursed werden. Aber nach zwei Tagen habe ich das Ding  aus dem Haus geschmissen. Ich konnte es nicht ertragen, ihn  da stehen zu sehen, mit hängendem Kopf und auf drei Beinen.  Mit viel Geduld hatte ich ihn nach zwei weiteren Tagen soweit,  dass ich ihn anfassen konnte, ohne dass er in Panik geriet.  Nach einer weiteren Woche kam er freiwillig aus seiner Höhle,  wenn ich mit der Schüssel kam, in der sich die Waschlotion  befand.   Sowohl die Stummelrute, als auch die Pfote verheilten gut,  aber die Haare an seinem Körper brauchten ein halbes Jahr, um  wieder einigermassen nachzuwachsen. Er konnte die ersten  vier Monate nur Spezialnahrung zu sich nehmen, da sein  Magen geschädigt war. Er wog nach den drei Wochen  Tierarztbehandlung 18 Kilo, und das bei fast 80 Zentimeter  Schulterhöhe.   Heute wiegt er 32 Kilo, ist fit und aktiv, er hat sich gut ins  Rudel eingegliedert und verträgt sich trotz seiner  Coursing-Vergangenheit auch mit kleinen Hunden. Er begrüsst  mich stürmisch, schläft auf der Couch mit dem Bauch nach  oben und kann (fast) alles fressen. Er kann ohne Leine laufen,  nur bei Ziegen muss man aufpassen.   Aber Fremden gegenüber ist er extrem misstrauisch. Die  anfängliche Angst ist einer Zurückhaltung gewichen, die  teilweise so extrem ist, dass er sich weigert, in Gegenwart  eines Fremden aus meinem Auto zu steigen oder ins Haus zu  kommen, wenn ich Besuch habe.   

Vermitteln kann ich ihn nicht, er ist jetzt fast drei Jahre hier  und gehört zur Familie. Anfängliche Versuche, ihn bei  Greyhound Rescue Organisationen unterzubringen sind  gescheitert, eine deutsche Organisation teilte mir mit, dass sie  einen "Krüppel" nicht vermitteln könnten, dass sei bei  gesunden Greyhound schon schwer genug.   Heute lebt er mit acht Hunden bei mir im Haus und gehört  dazu. Er kommt zum Schmusen, ist stubenrein (was ewig  dauerte) und begleitet mich auf Ausritten. Seine zwei  "Kollegen" habe ich mit Hilfe einer deutschen Tierärztin und  Beatrix Urban von der Bordercollie Rescue nach Deutschland  vermittelt. Dort leben sie bei einem Ehepaar und sind  geschätzte Familienmitglieder.   

Paddy wurde von einem Gericht zu einer Strafe von £ 200  verurteilt und darf keine Hunde mehr halten. Die Tierarzt-  Kosten wurden mir von ihm nicht erstattet, Paddy kam mit  einem blauen Auge davon.   

Alle fünf Greyhounds waren registriert beim Irish Racing Board,  komplett mit Racing Card und Tätowierung. Merlin hat als  Welpe £1 500 gekostet, aber selbst dieser Preis hat ihn nicht  davor bewahrt, fast zu sterben. Die racing cards der toten  Hündinnen wurden mir vom Racing Board zugestellt, mit dem  lakonischen Stempel "expired". Abgelaufen.   Racing:   

Das herkömmliche Windhundrennen auf abgesperrten  Rennstrecken. Die Hunde hetzen, meist mit Maulkorb, hinter  einem künstlichen "Hasen" her.   Coursing:   Dabei werden zwei Greyhounds auf einen echten Hasen  gehetzt und dann gewettet, wer ihn zuerst erwischt. Offiziell  nur mit Maulkorb, aber meist geht der Hase dabei drauf.  

Coursing ist nach wie vor legal, obwohl dabei Hasen  verwendet werden, die in Irland unter Naturschutz stehen  (diese Unterart des Hasen gibts nur dort).   

Die Coursing-Greyhounds sind grösser (75 Zentimeter  Schulterhöhe und höher) als die Racer-Typen (um die 70  Zentimeter und geschmeidig).   Racing hat die grösste Lobby, da steckt viel Geld dahinter.